Für viele Menschen gehört Schicht- und Nachtarbeit selbstverständlich zum Job. Einfach auszuhalten ist das Arbeiten gegen die innere Uhr und außerhalb des gesellschaftlichen Rhythmus jedoch nicht. Wer den Dienstplan mitgestalten kann und auf sich selbst achtet, mindert die gesundheitlichen Belastungen und bleibt in Kontakt mit Familie und Freunden.
Wenn die Kinder schlafen, fängt Tina Jürgens (Name von der Redaktion geändert) an zu arbeiten. Sie hat Nachtschicht. Für die 40-jährige Krankenschwester heißt das: am Abend vor Schichtbeginn noch das Frühstück für die Kinder machen. Nach Schichtende am nächsten Morgen gibt’s um 6:30 Uhr ein kurzes Wiedersehen mit der Familie. Dann geht Mama schlafen und die Kinder gehen zur Schule. Das Zusammenspiel von Schichtdienst und Privatleben ist ein Balanceakt. Auch wenn flexible Arbeitszeiten und wechselnde Schichten in vielen Berufen normal sind, belasten sie den Körper und das psychische Gleichgewicht sehr.
„Für das Beladen eines Flugzeugs bleiben nur etwa 45 Minuten Zeit – da geht’s rund. Es ist auch nach 25 Jahren immer noch hart, sich an den Wechsel von Früh-, Spät- und Nachtschicht anzupassen. Trotzdem bin ich ein Familienmensch und feiere gerne Grillfeste. Meinen Freunden sage ich vorher rechtzeitig Bescheid, dann geht das auch. Aber man muss schon aktiv auf andere zugehen, wenn man seine Freizeit vernünftig gestalten will und nicht nur Fernsehen guckt. Ich bin halt ein positiv denkender Mensch und komme gut mit Stress klar, das ist sicher auch Charaktersache. Wenn ich frei habe, nutze ich die Zeit auch. Dann gehe ich mit meiner Frau und unserem Enkelkind spazieren. In der Freizeit braucht man aber nicht nur den Partner, sondern auch gute Kumpels. Über das Internet habe ich Kontakt zu alten Schulfreunden wieder aufgenommen. Ich habe mir ein Mountainbike gekauft, damit wollen wir zusammen Radtouren machen.“
Stefan Hirt, 53, Lademeisteragent
Schicht- und Nachtarbeit sind aus einer Rund-um-die-Uhr- Arbeitswelt nicht wegzudenken. 18 Prozent der Beschäftigten arbeiten regelmäßig nachts und im Schichtdienst. Heute müssen vor allem Menschen in Pflegeberufen spät abends und am Wochenende flexibel sein – jeder zweite versorgt auch nachts seine Patienten. Daneben sind etwa Industriearbeiter, Flugpersonal, Mediziner, Bäcker, Beschäftigte von Wach- und Sicherungsdiensten oder im Gastgewerbe bis spät in die Nacht oder vor Tagesbeginn im Dienst: Im 24-Stunden-Takt backen sie frische Brötchen, organisieren den Rettungsdienst oder begleiten den Langstreckenflug nach Chicago.
Viele Schicht- und Nachtarbeit findet zudem unter erschwerten Bedingungen statt: Häufig handelt es sich um körperlich anstrengende Tätigkeiten, die im Stehen, in der Hocke oder auf den Knien ausgeführt werden müssen. Wer eine Nachtschicht antritt, muss oft noch weitere Nachteile in Kauf nehmen: Jeder dritte Arbeitsplatz ist von Lärm umgeben. Und nur 41 Prozent der Nachtdienstler können nach eigenen Angaben selbst entscheiden, wann sie eine Pause machen. Zum Vergleich: Bei Tagarbeitern sind es 20 Prozent mehr – das ergab eine Studie, an der sich unter anderem die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) beteiligte.
„Auf einer Tournee ist es nicht einfach, seine Gesundheit und Leistungsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Mein Kreislauf ist in dieser Zeit ziemlich aus seinem normalen Rhythmus geworfen. Ich bin dazu gezwungen, mit wenig Schlaf zu unregelmäßigen Zeiten auszukommen. Um zu verhindern, dass ich krank werde, habe ich stets einige Utensilien in meinem Reisegepäck. Zum Beispiel homöopathische Mittel und zusätzliche Vitamine und Mineralien, um mein Immunsystem zu stärken."
Magda Chojnacka, 35, DJ
Je belastender die Arbeit, desto wichtiger die Erholung. Doch tatsächlich schlafen Nachtschichtler schlechter als ihre Kollegen im Tagdienst. Nach einer Umfrage haben 13 Prozent der Bevölkerung jede oder fast jede Nacht Schlafprobleme. Dabei sind die Beschäftigten im Schicht-, Nacht- und Bereitschaftsdienst mit 16 Prozent häufiger betroffen als jene, die nicht in Schichten arbeiten (elf Prozent). Das ermittelten die Betriebskrankenkassen (BKK). Kein Wunder, denn wer um drei Uhr früh Leistung bringt, um Mitternacht isst und nach dem Frühstück schlafen muss, verliert leicht das innere Gleichgewicht. Der Wechsel ist ein Kampf gegen die innere Uhr. Nachts sind Herzschlag, Atmung und Verdauung auf Ruhe eingestellt. Die Leistungsfähigkeit sinkt zwischen zwei und fünf Uhr früh enorm.
Wer nachts arbeitet, muss sich mehr anstrengen, um die gleiche Leistung zu bringen wie tagsüber. Wie bei einem Jetlag nach einem Überseeflug fühlen sich Schichtarbeiter oft müde. Wer häufig tagsüber schlafen muss, schläft nicht so tief. Die Folgen bekommen die Betroffenen oft erst mit den Jahren zu spüren: „Langzeitstudien belegen, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Bluthochdruck mit der Häufigkeit von Schichtarbeit zunehmen können“, erklärt Matthias Wilhelm von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW), bei der unter anderem die Beschäftigten der Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime versichert sind. „Neben den körperlichen Belastungen kämpfen sie im Vergleich zu ihren regelmäßig tagsüber arbeitenden Kollegen unter anderem häufiger mit Nervosität und Depressionen“, sagt der Experte. Wer arbeitet, wenn Familie und Freunde frei haben, muss zudem mehr Energie aufbringen, um soziale Kontakte zu pflegen.
„Am schwersten fällt mir der Wechsel vom Spät- in den Frühdienst, weil die Nachtruhe dadurch sehr kurz ist. Oft bin ich nach dem Spätdienst, der um 21.15 Uhr endet, noch so aufgedreht, dass ich nicht sofort einschlafen kann. Also versuche ich mit kleinen Tricks nachzuhelfen. Ich trinke zu Hause ein Glas warme Milch mit Honig und lese noch, um auf andere Gedanken zu kommen. Aber keine Fachzeitschriften, dann würden die Gedanken doch wieder nur um die Arbeit kreisen. Alkohol ist tabu, Fernsehen ebenfalls. Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 5 Uhr und dann muss ich fit sein. Und nach dem Frühdienst lege ich mich zu Hause für eine Stunde ins Bett. Das Telefon ist ausgestöpselt, das Handy abgeschaltet, in der Wohnung ist vollkommene Ruhe.“
Romana Kanikula, 44, Krankenschwester und Stationsleiterin
Eine gute Gestaltung der Arbeit kann Belastungen mindern. Unternehmen mit Schicht- und Nachtarbeitsplätzen können einiges für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter tun. Beispiel Unfallhäufigkeit: Sie lässt sich reduzieren, indem Zeitdruck und Übermüdung durch günstige Schichtfolgen verringert werden. Wenn möglich, sollten während des biologischen Leistungstiefs zwischen zwei und vier Uhr keine aufmerksamkeitsintensiven oder fehlerkritischen Aufgaben eingeplant werden. Vor allem bei monotonen Tätigkeiten, Arbeit im Dunkeln, in leiser Umgebung oder nach Schlafmangel fällt es schwer, die Augen offen zu halten. Zu Unfällen und Fehlern führt dann nicht nur die verringerte Aufmerksamkeit, sondern auch der Sekundenschlaf – häufige Ursache auch von schweren Verkehrs - unfällen, die durch übermüdete Fahrer verursacht werden. Nach Schätzungen geht jeder vierte Verkehrsunfall auf Sekundenschlaf zurück. Besonders gefährlich sind die Zeiten während des Leistungstiefs nachts von zwei bis fünf Uhr. Bei ersten Anzeichen wie brennenden Augen oder Frösteln ist eine kurze Pause hilfreich. Wie Schlafforscher mittlerweile belegt haben, wirkt schon ein kurzes Nickerchen Wunder. Ein wenig dösen in der Pause erhöht die Leistungsfähigkeit. Licht hemmt übrigens die Ermüdungstendenz, da die Produktion des schläfrig machenden Hormons Melatonin unterdrückt wird. Trotzdem lässt sich der Körper nicht ganz austricksen.
Wer nach „Feierabend“ am Morgen nicht so leicht Schlaf findet, sollte sich trotzdem vor Schlaf- und Beruhigungsmitteln hüten. Die am häufigsten verschriebenen Schlaf- und Beruhigungsmittel, Benzodiazepine, wirken zwar beruhigend und muskelentspannend. Gleichzeitig können sie jedoch unerwünschte Nebenwirkungen haben. Von diesen Medikamenten sind jedoch nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. rund 1,1 Millionen Deutsche abhängig. Um von Schlaf- und Beruhigungsmitteln loszukommen, ist es am besten, deren Dosis mit ärztlicher Hilfe schrittweise zu reduzieren, wie Studien zeigen. Zudem konnten mehr Menschen die Einnahme der Mittel beenden, wenn sie psychologische und psychotherapeutische Hilfen bekamen.
„Eine disziplinierte Lebensweise ist die Voraussetzung für den Beginn einer Schichtdienstlaufbahn. Vor allem ist eine gesunde Ernährung wichtig, da durch den verschobenen Tagesablauf keine regelmäßigen Mahlzeiten möglich sind. Vor der Nachtschicht esse ich gerne in Ruhe Abendbrot. Während der Nachtschicht nehme ich keine schwere Mahlzeit zu mir – Jogurt oder Obst. Trinke gern eine Tasse Kaffee, aber nicht übermäßig viel. Nach der Nachtschicht freue ich mich auf ein angemessenes Frühstück, wobei ich beginne den Stress abzubauen, um danach zu schlafen. Schichtdienst bedeutet im täglichen Leben viel Verzicht. Darüber müssen sich junge Leute im Klaren sein, bevor sie einen solchen Beruf wählen und sich im Vorfeld informieren. Leider wird ja bei allen gesellschaftlichen Aktivitäten von den üblichen Arbeitszeiten ausgegangen. Es sollte mehr Flexibilität eingeräumt werden, damit auch Schichtarbeiter mehr Angebote wahrnehmen können, zum Beispiel Kurse an der Volkshochschule und in Sportvereinen.“
Burkhardt Feuerstarke, seit 25 Jahren Kesselwärter in einem Kraftwerk
Wie belastend Schicht- und Nachtarbeit für den Einzelnen tatsächlich ist, hängt von vielen Faktoren ab: von der Arbeitsplatz- und Schichtplangestaltung, aber auch von den Genen. Schlafforscher unterscheiden verschiedene Chronotypen: Während manche Morgenmuffel sind und gegen Abend munter werden, sind andere ausgeprägte Morgenmenschen, deren Energie dann am Abend schnell nachlässt. Je nachdem, wie die innere Uhr tickt, wechselt natürlich die Leistungsbereitschaft im Laufe der Tageszeit. Für die Schichtplanung heißt das: Eine Frühschicht ist für den frühen Chronotypen, die „Lerche“, weniger belastend. Der späte Typ, die „Eule“, hingegen empfindet die Frühschicht als anstrengender als eine Nachtschicht. Wohl dem, der bei seiner Arbeitszeitgestaltung auf seine innere Uhr Rücksicht nehmen kann.
Entscheidend aber ist, dass die Schichtarbeit von dem Betroffenen selbst und von seiner Familie akzeptiert wird. Aus diesem Grund profitieren Beschäftigte, wenn sie die Arbeitspläne mitgestalten können. Wer zum Beispiel dank eines flexiblen Schichtbeginns erst nach dem Kinobesuch, der Vereinssitzung oder der Feuerwehrübung zur Nachtschicht fahren muss, kann am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Nur so ist ein „Leben im Lot“ trotz Schicht- und Nachtarbeit möglich.
Medientipps
- Der menschliche Biorhytmus: interaktive Animation unter www.planet-wissen.de
- Mehr über Belastungen durch Schicht- und Nachtarbeit im Praxishandbuch Psychische Belastungen im Beruf: www.universum-shop.de
- Unterrichtseinheit zum Thema Schichtarbeit: www.dguv-lug.de
- Video-Interview mit Albrecht Liese von der Berufsgenossenschaft Gesundheitsdienst und Wohlfahrtpflege: www.youtube.com
Christine Speckner (Freie Journalistin)
redaktion@dguv-aug.de
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